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  • Harvard verliert 8 Milliarden: Uni-Finanzkrise auch bei uns?

    : Wirtschaft | Matthias Jenny | 8. November 2009
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    Die Finanzmarktkrise ist unlängst zur globalen Wirtschaftskrise geworden. Die Universitäten Zürich und St. Gallen und die ETH Zürich blicken noch in eine einigermassen sichere Zukunft. Doch die Studierenden an staatlichen US-Unis leiden bereits unter der aktuellen Konjunktur.

    Im letzten Frühherbst war es erst düstere Zukunftsmusik, dass die Finanzmarktkrise von der Wall Street auf die «Main Street» überschwappen könnte. Doch Anfang Oktober schrieb Robert A. Brown, der Präsident der privaten Boston University im Bundesstaat Massachusetts, in einer E-Mail an den Lehrkörper und die Angestellten folgendes: «Ich glaube, es ist wichtig, präventiv zu handeln, um den möglichen kurz- und längerfristigen Risiken entgegenzuwirken, vor die uns die derzeitige wirtschaftliche Situation stellt.» Die Boston University führte einen unverzüglichen Einstellungsstopp durch.

    Die Krise hat die Pforten des Elfenbeinturms mit voller Wucht erreicht – zumindest in den USA.

    Seither hat sich die wirtschaftliche Grosswetterlage merklich verschlechtert und die Krise hat nicht nur mit voller Wucht die Main Street, die Rue principale und die Hauptstrasse, sondern auch die Pforten des Elfenbeinturms erreicht – zumindest in den USA.

    Riesenverluste und Einstellungsstopps

    Ähnliche Meldungen wie jene der Boston University hörte man bald auch von den privaten Hochschulen der prestigeträchtigen Ivy League. Im November kündigten das Dartmouth College im Gliedstaat New Hampshire, die Cornell University in New York und die Brown University in Rhode Island vorübergehende Einstellungsstopps an.

    Doch die schockierendsten Meldungen kamen aus New Haven im Bundesstaat Connecticut und aus Cambridge im Bundesstaat Massachusetts: Die Papierwerte der Stiftungsvermögen der Yale University und der Harvard University schrumpften in der zweiten Hälfte des letzten Jahres wegen der Finanzmarktkrise um 6 Milliarden bzw. um 8 Milliarden Dollar. Harvard führte sofort einen Einstellungsstopp durch und kündigte an, dass die Gehälter einiger ihrer Angestellten im kommenden Jahr nicht steigen werden.

    Letzteres ist auch von Yale beabsichtigt, aber gleichzeitig will man in New Haven nach wie vor neue Leute einstellen. Gemäss den «Yale Daily News» sieht Richard Levin, der Präsident von Yale, die aktuelle Krise sowohl als Herausforderung wie auch als Chance – als Chance, hochkarätige Dozenten zu rekrutieren, die von den Anstellungsstopps an anderen Schulen betroffen sind. Ähnliche Hoffnungen hegen derzeit auch viele kleinere US-amerikanische Colleges und Universitäten, da im Kampf um die besten Professoren plötzlich einige Konkurrenten wegfallen, die unter normalen Umständen mit bedeutend höheren Gehältern trumpfen können.

    Staatliche Unis ebenfalls betroffen

    Doch solche Hoffnungen gehen inmitten der Schreckensmeldungen fast unter. Diese hört man in den Vereinigten Staaten nicht nur von privaten, sondern auch von staatlichen Hochschulen und von der anderen Seite des nordamerikanischen Kontinents. Ebenfalls im November kündigte die University of Nevada, Las Vegas einen Einstellungsstopp sowie reduzierte Öffnungszeiten an der Poliklinik für Studierende an.

    Die Auswirkungen der Krise auf die Studierenden sind an der staatlichen University of Arizona noch viel schwerwiegender. Im Februar kündigte die Universität an, bis nächsten Juni 600 Stellen zu streichen. Dies ist eine Reaktion auf die Entscheidung der Gouverneurin von Arizona Jan Brewer dem Universitätssystem ihres Bundesstaates aufgrund des allgemeinen Budgetdefizits 141,5 Millionen Dollar zu entziehen. Gemäss Eigenaussage der University of Arizona hat diese Budgetkürzung und die Streichung der 600 Stellen verschiedene Folgen für Studierende: In Zukunft würden weniger Veranstaltungen angeboten, die Anzahl Teilnehmer an den Veranstaltungen würde sich erhöhen und die Wartezeiten bei Terminen mit Studienberatern würden sich verlängern. Ferner schliesst die University of Arizona die Pforten einiger ihrer Museen für die Öffentlichkeit und reduziert die Öffnungszeiten anderer Museen einschneidend.

    Im Verlaufe des Jahres begann sich die Wirtschaftskrise auch auf indirekterem Wege auf staatliche Hochschulen auszuwirken. Der schon länger finanziell kränkelnde Gliedstaat Kalifornien wurde in den letzten Monaten in eine regelrechte Budgetkrise gerissen, die sich wohl in allen staatlichen Sektoren niederschlagen wird. So erwartet das Hochschulsystem der University of California eine Reduktion von 813 Millionen Dollar in staatlichen Geldern. Als Folge wurde im Juli beispielsweise für den Berkeley-Campus angekündigt, dass vorübergehend auf fünfzig Prozent der ursprünglich geplanten Neuanstellungen verzichtet werde. Weiter sollen aufgrund der Sparmassnahmen die Angestellten der Universität zwischen vier und zehn Prozent weniger Lohn verdienen, sowie für einige Tage ohne Lohn beurlaubt werden. Letztere Strategie zur Reduktion der Ausgaben wird auch vom Hochschulsystem der University of Wisconsin verfolgt.

    Wirtschaftskrise auch bei uns

    Die aktuelle Krise hat auch Auswirkungen auf die schweizerische Wirtschaft. Ehemalige Vorzeigeunternehmen wie die UBS, die Credit Suisse und die Swiss Re haben in jüngster Vergangenheit durchwegs schlechte Ergebnisse präsentiert. Daher hatte beispielsweise die Stadt Zürich gemäss der «Neuen Zürcher Zeitung» 2008 Steuerausfälle von knapp 400 Millionen Franken. Ihre Rechnung hat mit einem Minus von knapp 180 Millionen Franken geschlossen; der Boden soll erst 2010 erreicht werden.

    Auch auf die Steuereinnahmen der Kantone und des Bundes wird sich die aktuelle Krise kaum positiv auswirken. Zwar hat die Staatsrechnung 2008 des Bundes besser abgeschlossen als budgetiert, doch ist gemäss Bundespräsident Hans-Rudolf Merz in den kommenden Jahren auch auf Bundesebene mit sinkenden Steuereinnahmen zu rechnen.

    Unsere Unis noch gut dran

    Was bedeutet das für die Universitäten Zürich und St. Gallen und die ETH Zürich? Der Staatsbeitrag des Kantons Zürich macht gemäss Jahresbericht 2007 der UZH einen Anteil von fast 60 Prozent am Ertrag der Universität von 824 Millionen Franken aus. Die Beiträge des Bundes und der übrigen Kantone belaufen sich auf über 25 Prozent. Das Budget der HSG von 160 Millionen Franken finanziert sich zu etwa 50 Prozent durch die öffentliche Hand und zu 50 Prozent durch Drittmittel. Der Anteil des Kantons St. Gallen macht 20 Prozent des Gesamtbudgets aus, der Bund und die übrigen Kantone kommen je für 15 Prozent auf. Das Budget der ETHZ von knapp 1,2 Milliarden Franken schliesslich finanziert sich zu über 80 Prozent durch den Bund.

    Das Gesamtbudget des Kantons Zürich wurde für 2009 vom Kantonsrat um rund 110 Millionen Franken gekürzt. Mit Blick auf die Jahre 2010 und 2011 ist gemäss Andreas Fischer, dem Rektor der UZH, «angesichts der Wirtschaftslage nicht auszuschliessen, dass es Kürzungen geben wird, die auch die UZH betreffen werden.» Fischer meint aber zugleich, «die Universitätsleitung wird alles daran setzen, eventuelle Kürzungen möglichst ohne Folgen für die Studierenden umzusetzen.»

    Die HSG erwartet gemäss ihrem Medienverantwortlichen Marius Hasenböhler, «kurz- und mittelfristig keinen Rückgang bei den öffentlichen Mitteln.» Anders sieht es jedoch bei den Drittmitteln aus: «Bei den selbst eingeworbenen Mitteln kann es aufgrund der momentanen Wirtschaftslage zu Reduktionen kommen.» Da mit den Drittmitteln aber hauptsächlich die Weiterbildung und Forschung finanziert wird, sollte dies keine Auswirkungen für die Studierenden haben. «Wir rechnen nicht mit Verschlechterungen des Betreuungsverhältnisses oder des Studienangebotes für die Studierenden an der HSG», so Hasenböhler.

    Ralph Eichler, der Präsident der ETH, verweist für das aktuelle und das nächste Semester auf das gute Finanzjahr 2008 des Bundes. Doch darüber hinaus ist die Lage weniger gewiss: «Ich erwarte eventuell ab 2010 schlechtere Zeiten wegen potentiell weniger Steuereinnahmen vom 2009», sagt Eichler auf Nachfrage. Kürzungspläne gebe es aber keine.

    Ungewisser Blick in die Zukunft

    Diese Stellungnahmen sind aus studentischer Sicht vorsichtig als positiv zu bewerten. Könnten schweizerische Universitäten, ähnlich wie kleinere US-amerikanische Hochschulen, sogar von der aktuellen Wirtschaftskrise profitieren? Marius Hasenböhler schliesst nicht aus, «dass nun amerikanische Forscher auch vermehrt Rufe von Universitäten aus Europa annehmen werden.» Dies ist aber keineswegs sicher. «Ob dem wirklich so ist, ist nicht vorherzusagen», so Hasenböhler.

    Allgemein ist man mit Vorhersagen offensichtlich nicht nur in der Wirtschaft vorsichtiger geworden. Trotz allen beruhigenden Beteuerungen ist nicht nur bei Unternehmen, sondern auch bei den schweizerischen Universitäten eine leichte Unsicherheit erkennbar. So regt Marius Hasenböhler an, «vielleicht wären im Rahmen von staatlichen Konjunkturprogrammen auch zusätzliche Mittel für die Bildung langfristig eine sinnvolle Investition zum Wohl der Studierenden und des Denkplatzes Schweiz? Wir bleiben am Ball!

Ein Kommentar zu diesem Artikel:
  1. Statt Luft Stattluft - Vom Funkturm / From the Radio Tower schrieb am 1. Juli 2010 um 12:46 Uhr:

    [...] In der ersten Ausgabe findet sich unter anderem ein Artikel von mir mit dem Titel “Harvard verliert 8 Milliarden: Uni-Finanzkrise auch bei uns?”: Die Finanzmarktkrise ist unlängst zur globalen Wirtschaftskrise geworden. Die [...]

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