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  • Interview mit Bligg

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    Calma Mater portraitiert Menschen, die Karriere ohne Studium machen. Und mit ihrem Ehrgeiz, Einfallsreichtum und ihrer Initiative farbige Kontraste zum grauen Studienalltag setzen. Dieses Mal: Bligg, Schweizer Rap-Grösse.

    Du bist mit «0816» sehr erfolgreich, liegt das am Örgeli und Hackbrett?

    Es handelt sich um eine Kombination von meiner modernen Musik – Hip-Hop, Pop, Rock – und traditionellen Sounds. Die Schweiz ist bereit für meine Art der Musik. Dabei hatte ich Glück, denn es ist ein Nischenprodukt! Ich mache bereits seit langer Zeit Musik und habe mir alles selber erarbeitet, die ganze Infrastruktur, mein angesammeltes Know-How; alles, was dazu gehört. Ich habe bereits fünf Tonträger publiziert, welche in dieser Nische erfolgreich waren. «0816» ist das sukzessive Resultat. Ausserdem habe ich ein sehr gutes Team, die besten Leute! Dazu gehört das starke Label Universal Music und mein Management und Booking-Agent Alon Renner, Fred Hermann vom Hitmill Studio, der mit mir die Scheibe produziert hat und viele andere. Man muss sich vor Augen halten, dass mit dem Begriff Bligg ein Team von 15 Leuten einhergeht! Zusammengefasst gehört zum Erfolg: Vorarbeit und langjährige Erfahrung, ein starkes Team und die Kombination traditionell – modern, und: es ist einfach ein gutes Album! Ich denke, das ist überhaupt das Wichtigste. Übrigens: Die Artwork mit dem Stier ist ein Eyecatcher!

    Wie ist der Werdegang von Marco Bliggensdorfer zur Hip-Hop Grösse?

    Ich habe mit 16 angefangen, war damals in einer Skateboard-Clique; ein Teil davon ist heute noch in meiner Band! Wir hörten die gleiche Musik und sind so auf Rap gekommen. Zu Beginn haben wir Freestyles basierend auf amerikanischen Instrumentals zum Beispiel von Wu-Tang Clan durchgeführt, weil niemand genügend Geld hatte, um teure Geräte zu erwerben. Es war alles Jux an Wochenenden oder nach Feierabend. So sind wir in die Szene gerutscht, bis wir Leute mit Studios kannten und die erste Platte aufnehmen konnten – Zürislang Freestyle. Nach einer Nachtsession im Studio eines Kollegen ruft er mich am nächsten Tag an und erklärt, er habe einige Best-of-Stücke herausgepickt und ob ich einen Einwand habe, wenn er eine 500er Auflage Vinyl in Tschechien pressen würde. Natürlich nicht, es ist das Geilste für einen 17-jährigen, ein eigenes Vinyl zu Hause zu haben. Die 500 Stück waren innerhalb kürzester Zeit weg – bis nach Graubünden. So habe ich dann Lexx kennen gelernt. Er war mit Beats, ich mit Rap beschäftigt und er hatte eine «SP 1200», mit der man damals innerhalb von 1,5 Sekunden sampeln konnte – wie die meisten Hip-Hop Künstler in den USA. Es war so: «Der Typ hat das Gerät, ich muss ihn kennen lernen!» Mit Lexx habe ich die erste Scheibe aufgenommen und im 2001 habe ich mein erstes Soloalbum herausgebracht – meine erste richtige Produktion mit einem Budget von einem Label. Damit konnte man gut arbeiten, Studiomusiker anstellen, Featured-Gäste einladen – ich habe damals mit Stress und Emel etwas aufgenommen. Der Song kam als erster schweizerdeutscher Rap in die Top ten. In den letzten sechs Jahren habe ich dann sechs Alben produziert und «0816» ist der Höhepunkt, es verkauft sich besser, als alle davor zusammen!

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    Wurdest du als Musiker berufen oder hattest du auch andere Berufsziele?

    Zu Hause lief tagein tagaus Musik – alles, von Jazz über Rock’n’Roll und Pop –, ich spiele seit ich sieben Jahre alt bin Gitarre, und mein Vater war ein Schallplattenfan. Musik war immer Bestandteil meines Lebens, aber weil die Schweiz und der Markt klein ist – es gibt zwar erfolgreiche Acts wie Polo Hofer, Gölä etc. – kam Musik für mich als Option gar nie in Frage, es war immer Fun. Mittlerweile ist es aber meine Berufung, ich habe gar keine Zeit mehr für anderes.

    Universität, sind das alles Spiesser?

    Ich habe eine Berufslehre gemacht, als Sanitärinstallateur. Ursprünglich wollte ich Grafiker werden, weil ich das Kreative mag. Ich habe zwar die Aufnahmeprüfung für die Kunstgewerbeschule als einer der drei Besten bestanden, hatte aber im Benehmen nur «genügend», was Grund genug für eine Abweisung war. Aber Nein, ich war kein Bad Boy! Wir hatten einen Lehrerwechsel und für fast ein Jahr einen Vikar als Stellvertretung mit dem ich mich nicht verstanden habe – wobei niemand ihn leiden konnte, er war mit der Klasse überfordert. Der Vikar hat dann – obwohl der Fehler von meinem Banknachbarn kam – beiden ein «Genügend» im Benehmen attestiert und ich wusste, es würde mir zum Verhängnis werden. Alles Flehen half nichts! An einem Anschlag habe ich dann eine Lehrlingsstelle als Sanitärinstallateur ausgeschrieben gesehen. Handwerk, das finde ich gut und gibt eine gute Basis.

    Nochmals auf die Spiesser-Frage zurück: Aus meiner Sicht überhaupt nicht! Mein Vater meinte immer, er sei happy, wenn ich die Schule gut abschliesse und eine Lehre absolviere. Ich habe gar nicht über den Horizont geschaut. An der Uni läuft sehr viel, wie zum Beispiel euer Magazin. Wir haben schon für Uni-Parties und ETH gespielt und es geht immer ab. Ich denke die Studienzeit ist mal abgesehen vom Lerneffekt auch aus sozialer Sicht sehr spannend. Ich kenne viele kreative Studenten, zum Beispiel mein Manager Alon, der mit 36 jetzt Kunstgeschichte studiert. Ich habe sogar mit dem Gedanken gespielt, mit dem verdienten Geld anfangen zu studieren, aber im Moment ist es zuviel. Im Vergleich zu anderen Ländern – kürzlich war ich in Kuba – ist die Universität in Zürich High-End, das muss man schätzen wissen! Meine Kinder würde ich sicher in die Uni schicken.

    Musst du in deiner Freizeit gelegentlich spontan vorsingen?

    Spontane Acts gibt es… Viele Leute verstehen nicht, dass es Arbeit ist und fragen mich: «Sing etwas vor oder Rap etwas». Ich frage dann immer: «Was ist dein Beruf, Automechaniker? Ich verlange von dir nicht, dass du mein Auto auf der Stelle reparierst!» Für die Leute ist es Entertainment und Ausgang und sie vergessen, dass es ein Job ist. Gerade in der Schweiz ist es nicht ein offizieller Job, man ist als Musiker ein «bunter Hund», nicht wirklich staatlich anerkannt, gerade mein Segment.

    Woher schöpfst du deine Kreativität?

    Das Leben, das Leben in der Schweiz… Ich könnte jetzt nach Hause und einen Song schreiben der «Interview» heisst. Rosalie zum Beispiel entstand während der Albumproduktion beim Mittagessen. Wir haben krampfhaft nach einem Thema gesucht und während dem Essen kam ein «Wolle du Rose kaufen»-Typ. Fred – mein Coproduzent – und ich mussten schmunzeln und wussten: das ist das Thema. Jeder kennt den Rosenverkäufer und es hat etwas Witziges dabei. Gewisse Songs sind autobiographischer Natur, wie «Secondos». Viele Leute teilen das Immigrantending: Blut, Schweiss und Tränen investieren, um das Land in jedem Segment nach vorne zu treiben! Man weckt Emotionen wenn man davon singt, insbesondere auf Schweizerdeutsch.

    Ich hatte das Glück, dich am Energy Stars for Free Konzert live erleben zu dürfen. Viele Fans bewundern dich offensichtlich – und da schliesse ich mich mit ein! Denkst du das Leben als Musicstar ist aufregender als andere Leben?

    Ich kenne beides, das normale 0815 Leben, morgens um sieben antraben um Geld zu verdienen, und ich kenne mein jetziges Leben. Dadurch weiss ich zu schätzen, was ich habe! Es ist ein Stück weit aufregender, ich würde sonst lügen! Wo Sonne scheint, wirft es aber auch Schatten. Sicherheit? Wirtschaftlich bin ich im Moment recht sicher, ich habe Mitarbeiter und wir spüren die Finanzkrise zwar, aber nicht in verheerender Weise. Ich bin kein langfristig denkender Mensch, weil das Musikbusiness sehr schnelllebig ist. Es ist für mich ein Stück Freiheit, weil ich Geld verdienen und Leuten mit dem was ich gerne mache Freude bereiten kann! Das ist das Schönste.

    Im Moment ist der Prozess gegen die Piratebay.org Betreiber. Bist du wütend auf illegal downloadende Musikhörer?

    Auf die Konsumenten bin ich nicht wütend, jedoch auf die Tatsache, dass es so ist. Die ganze Digitalisierung hat verheerende Auswirkungen auf das Musikgeschäft. Vor zehn Jahren wurden doppelt so viele CDs verkauft wie heute. Deshalb sagen sich die Labels: Wir verkaufen nur noch die Hälfte der CDs, also bekommen die Künstler auch nur noch die Hälfte für das Produktionsbudget. Ergo: Das Geld, mit welchem du ein Haus bauen musst, ist im Vergleich zu früher halbiert. Die Leistung wird jedoch trotzdem erwartet und es ist eine grosse Challenge mit dem halbierten Budget die gleichen Dinge zu erreichen. Glücklicherweise funktioniert es bei mir im Moment, ich war aber auch schon an der Stelle, wo es kritisch war und das hängt nur mit den Downloads zusammen. Andererseits, wäre ich Student oder Lehrling und müsste mit CHF 600 monatlich durchkommen, würde ich mir auch überlegen: soll ich die CD kaufen oder die Songs vom Kollegen per Bluetooth auf mein Handy kopieren. Wenn du Pech hast, kosten dich 1000 CD in der Schweiz deine Karriere. Das Label gibt dir einen Vorschuss, zum Beispiel CHF 30’000, damit du dein Album produzieren kannst. Damit musst du Grafiker, Fotograf und alles Übrige bezahlen. Dann sagt das Label: für die CHF 30’000 müssen wir mindestens 5000 Alben verkaufen. Nun verkaufst du aber nur 4000, weil tausend Leute sich die Songs online downloaden, und das Label macht nie wieder ein Album mit dir. Wenn die Leute Musik aus der Schweiz wollen, sollen sie die CD kaufen. Sie müssen wissen: Wenn sie illegal downloaden, ist es dasselbe, wie wenn man im «Mediamarkt» eine CD stiehlt.

    Hattest du persönlich im Musikbusiness schon rechtliche Probleme und kannst mir ein Solches anvertrauen? Wie wurdest du damit fertig?

    Ich hatte immer einen Anwalt. Es ist wichtig in der Musik, weil viele Emotionen und geschäftliche Strukturen vorhanden sind und es jemanden braucht, der zum Rechten schaut, wenn es hart auf hart kommt. Ich musste einmal aus einem Deal raus. Fairerweise konnte man sich treffen, es lief also kein Prozess vor Gericht. Ich hatte aber meinen Anwalt als Druckmittel im Rücken. Es gibt andere wüste Beispiele, zum Beispiel fällt der Bassist von der Bühne und schlägt jemanden an den Kopf. Es gibt Leute die dann denken: ein Musiker in der Hitparade, da gibt es sicher etwas zu holen! Gerade im Musikgeschäft hört man das gelegentlich – insbesondere auch von amerikanischen Stars.

    Geht dein Plattenverkauf mit der Finanzkrise einher, oder verkaufst du deine Platten in schwierigen Zeiten besser?

    Es wurde schon gemunkelt, mein Album sei ein Phänomen, weil es sich rasant verkauft hat, während andere Schwierigkeiten haben. Gerade in einer Krise, in welcher es den Menschen schlecht geht, kann Musik etwas sein, was ihnen hilft. In jeder Krise gibt es Verlierer und Gewinner. Ich spüre aber die Finanzkrise auch, zum Beispiel spielen wir an Firmenevents und die Leute sind zurückhaltender oder steigen früher aus, weil sie im Entertainment sparen wollen.

    Denkst du an die Erschliessung neuer Märkte? Müsstest du dann die Sprache ändern?

    Die Unterstellung von «20 Minuten», Bligg liebäugle mit dem Ausland, stimmt nicht ganz. Ich produziere viel und schreibe alles selber, würde unter anderem gerne für andere Leute schreiben. Um als Künstler zu wachsen, habe ich mir die Freiheit genommen, ganz normale Songs – auch auf Englisch – aufzunehmen. That’s it! Es läuft in der Schweiz sehr gut und für die nächsten zwei Jahre bin ich vollends ausgebucht. In der Schweiz musst du, um leben zu können, jedes Jahr ein Album produzieren… Oder die Sprache ändern, aber wohl nicht als Bligg, allenfalls mit einer anderen Kunstfigur. Es gibt Schweizer Beispiele, die untergegangen sind, was schade wäre. Ich habe mir etwas Heiliges erarbeitet!

    Du bist ohne Zweifel Teil schweizerischer Kultur! Wie gehst du mit dieser Verantwortung um? Ist das gar eine Belastung?

    Ich war immer verantwortungsvoll, aber kein Saubermann! Musiker bleiben gelegentlich zu lange an einer Party… Als Sprachrohr junger Leute oder einer kulturellen Abteilung muss man sich der Verantwortung bewusst sein. Meine Lyrics haben eine viel grössere Bedeutung als vor acht Jahren. Wenn ich einen Text schreibe, muss ich mir den Inhalt genau überlegen und kann nicht einen Song über das Kiffen schreiben, weil ich genau weiss, dass zig Jugendliche das positiv oder negativ auffassen. Ich setze aber keine Phrasen, wie gewisse Politiker! Ich bin kein Moralapostel, mir meiner Verantwortung aber bewusst.

    Hip-Hop in der bünzligen Schweiz mit den «seriösen» Banken, kommt man sich im falschen Land vor?

    Die Tatsache, dass ich so erfolgreich bin und an einem Energy Stars for Free mitspielen darf mit internationalen Acts, jedoch bei einem Schweizer Act die grösste Post abgeht, beweist mir, dass die Schweiz gar nicht so bünzlig ist! Es ist schön zu sehen, dass meine Musik gerade bei den jüngeren Generationen, die kulturell sehr verflochten sind, gut ankommt. Mein Publikum ist stolz auf Schweizer Musik. Das war nicht immer so. Jeder Bligg, jede EM ist ein Mosaiksteinchen, welches vielleicht das Selbstbewusstsein von unserem Land etwas vorwärts treibt. Zum Teil leidet die Schweiz unter falscher Bescheidenheit, es geht den Leuten aber zu wenig schlecht, als dass sie diesen Stolz benötigen würden. Wir haben viele Gründe, auf unser Land stolz zu sein, und das wollte ich mit dem jetzigen Album mitteilen, es ist auch eine Hommage an die Schweiz.

    Bligg und die Zukunft, ist sie eine freie Spielwiese oder hat Universal Music ein Wörtchen mitzureden?

    Sie ist eine freie Spielwiese. Vertraglich muss man einige Punkte erfüllen, das Label trägt auch eine grosse Verantwortung. Aber im Prinzip bin ich ein Self-Made Man mit eigenem Team. Mittlerweile habe ich eine so grosse Infrastruktur, dass ich einen jungen Künstler mit Potential unter meine Fittiche nehmen könnte und ihm das ganze Setup, welches benötigt wird, um gross herauszukommen, bieten könnte. Im Prinzip habe ich über all die Jahre auch eine Art Studium absolviert, zwar nicht in einer Klasse, sondern ich habe über learning by doing Erfahrungswerte gesammelt. Wenn ich keine Lust mehr auf Musik habe, oder merke, dass meine Zeit um ist, kann ich mit dem, was ich aufgebaut habe, andere Dinge machen.

    Ist Universal Music eine «Kaderschmiede» in der Art einer Consultingunternehmung, wo das «up or out» Prinzip herrscht?

    Du meinst, weil die berühmtesten Schweizer Acts hier sind? Es ist ein major label, also das grösste was ein Künstler im Rücken haben kann. Das gilt nicht für alle, denn es sind immer individuelle Deals, aber Universal Music ist so ziemlich das stärkste, und deshalb habe ich mich auch für sie entschieden. Wenn man es schafft, langfristig mit einem solchen Label zusammenzuarbeiten, ist es vielleicht eine Art Kaderschmiede. Man muss aber auch bedenken, dass viele Acts die Chance bekommen ein Album zu produzieren, das war dann aber das Letzte. Es ist ein weltweites Unternehmen mit einem Sitz in der Schweiz und einem Vertrieb für die weltweiten Künstler. Universal Music müsste gar keine nationalen Acts betreuen, weil der Betrieb ja läuft. Im Gegenteil, nationale Künstler bedeuten viel Aufwand, Betreuung etc. Glücklicherweise fördert Universal Music nationale Acts, was nicht selbstverständlich ist. Es ist schon ein Privileg, sie unterzeichnen nicht jeden Schrott.

    Bekomme ich noch ein Bettmümpfeli? Welche weiteren musikalischen Höhepunkte darf die Welt erwarten?

    Mit grösster Wahrscheinlichkeit wird es eine Neuauflage des «0816» geben mit neuen Songversionen, Bonus Tracks und DVD-Material. «0817» darf es wohl nicht genannt werden, aber das müssen wir dann sehen.

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