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  • Der fürsorgliche Lutz Konermann

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    Der Schweizer Regisseur Lutz Konermann im Gespräch mit Christina Ruloff, neuer Kulturredaktorin bei Stattluft. Über frauenaffine Filmstoffe fürs deutsche Privatfernsehen, Erfolgschancen von Dialektfilmen und warum ihn Beichtgeschichten interessieren.

    Wie bist Du auf die Idee gekommen, den «Fürsorger» zu verfilmen?

    Lutz Konermann: Auf die Idee hat mich der Produzent der Fama-Film, Rolf Schmid, gebracht. Er ist auf mich zugekommen, hat mir das Buch von Hans-Peter Streit in die Hand gegeben und mich gefragt, ob ich dazu ein Drehbuch schreiben könnte. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen: Das ist eine grossartige Vorlage für eine saftige Realsatire einerseits, anderseits aber auch eine anrührende Geschichte. Die Figur eines Betrügers, der in einer Generalbeichte versucht seine Seele reinzuwaschen, hat mich sehr berührt.

    Wie entstand dann schliesslich der Film?

    Ich habe das Buch geschrieben, gemeinsam mit meinem Koautor Felix Benesch. Das ist uns relativ rasch von der Hand gegangen. Es hat gerade mal ein Jahr gedauert, was normal ist für ein Spielfilmdrehbuch. Was danach sehr viel Zeit gekostet hat, war die Finanzierung.

    Wie funktioniert denn Filmfinanzierung?

    Wir hatten ein ausgeglichenes Budget von 4,5 Millionen Franken zur Verfügung. Dieses Budget schmilzt allerdings relativ rasch, wenn man einen historischen Film dreht. In diesem Fall muss man ja die Motive und die Komparsen historisieren, also in Perücken oder zumindest passende Kostüme stecken. Auch die Motivsuche war dadurch nicht ganz einfach, wir haben sehr lange nach Drehorten suchen müssen. Erschwerend kam hinzu, dass wir auf die Ko-Produktionshilfe von anderen Ländern angewiesen waren: Luxemburg hat uns sehr tat- und finanzkräftig unterstützt; zum minoritären Teil war auch Deutschland mit von der Partie.

    Wie lange dauerte denn die Finanzierungsphase?

    Wir haben insgesamt über zweieinhalb Jahre gebraucht, um den Film zu finanzieren. Auf den letzten Drücker hat es dann geklappt. Vom ersten Treffen bis zur Premiere in diesem Spätsommer am Zurich Filmfestival hat es fünf Jahre gedauert.

    Lutz Konermann

    Lutz Konermann

    Hat sich das Fernsehen auch beteiligt?

    Nein, es ist überhaupt kein Fernsehgeld in dem Film – weder von Schweizer noch von anderer Seite. Das ist verständlich: Wenn das Schweizer Fernsehen nicht dabei ist, will kein deutscher Sender koproduzieren. Der Film ist also rein aus Filmfördergeldern finanziert.

    Gaben die Gelder, die vor allem aus der Schweiz stammen, Ausschlag, den Film in Mundart zu drehen?

    Nicht wirklich. Wesentlich dafür war, dass der Film in der Schweiz spielt und eine schweizerische Lebensgeschichte erzählt.

    Schadet das nicht einer möglichen Auslandsauswertung?

    Ich glaube nicht. Wir sind in der luxuriösen Situation, dass alle Filmrechte uns allein gehören. Vorausgesetzt der Film läuft gut, sind die Chancen nicht schlecht, dass der Film auch im Ausland ankommt und einen Verleih findet. Für Ende Januar ist ein Festivalauftritt in Saarbrücken geplant.

    «Der Fürsorger» ist ein Kinofilm. Was wäre anders geworden, wäre der Film fürs Fernsehen produziert worden? Wie unterscheiden sich – aus der Sicht der Regisseurs – grundsätzlich Kinofilme und Fernsehspiele?

    Der Kinofilm muss sich nicht an ein senderspezifisches Zielpublikum richten. Als Drehbuchautor muss ich nicht für Zuschauer jenseits der 50 Jahre schreiben, wie das beim Schweizer Fernsehen die Vorgabe ist. Ich muss auch nicht einen frauenaffinen Stoff für Frauen zwischen 24 und 44 Jahren schreiben, wie das beim deutschen Privatfernsehen der Fall ist. Oder für niedrigere Bildungsschichten, wie bei RTL. Ich habe keine solchen Zielvorgaben, bin also relativ frei.

    Macht diese Freiheit das Schreiben einfacher oder schwieriger?

    Für den Autor macht es das viel einfacher. Schwieriger ist, dass man nicht mit einem Schlag eine komplette Finanzierung sicherstellen kann, sondern von einem Filmförderungsprogramm zum anderen tingeln muss und hoffen, dass am Schluss genug Geld zusammen ist. In der Schweiz, bei einem Budget von dieser Grösse, ist es unabdingbar und ausschlaggebend, dass man alle Förderinstanzen für sich gewinnen kann: Das Bundesamt für Kultur, das Schweizer Fernsehen (das wir nicht hatten!) und die regionale Filmförderung. Das ist die Grundvoraussetzung. In der harzigen, zweiten Runde geht man ins benachbarte Ausland, zuerst natürlich nach Deutschland.

    Wo ist denn die Befriedigung für den Regisseur grösser? Das Fernsehen hat ja auch Vorteile, zum Beispiel dass man ein viel grösseres Publikum auf einen Schlag erreicht…

    Das ist richtig. Ich bin gewohnt, dass ich mit meinen Filmen, die ich in den vergangenen 13 Jahren gemacht habe, bei der Erstausstrahlung ein Millionenpublikum erreiche. Die Vorgehensweise bei der Arbeit fürs Fernsehen ist eine ganz andere. Es geht in erster Linie um die Optimierung der Dramaturgie, der Besetzung und der Machart, damit der Film in der Erstausstrahlung wirklich die Höchstquote erreicht. Zentral ist auch die Vorabkritik, also was die Programmzeitschriften schon vorab berichten, um die Einschaltquote sicherzustellen. Bei einem Kinofilm sind die Zuschauerzahlen wesentlich unvorhersehbarer. Den Freiheiten des Kinofilms stehen ungleich mehr Mühen gegenüber, den Film überhaupt ins Kino und an sein Publikum zu bringen. Der Einsatz, der gefordert ist, ist für alle Beteiligten ungleich höher, auch das finanzielle Risiko für Produzenten, Verleiher und Kinobetreiber. Aber: Auch wenn die Zuschauerzahlen schlussendlich weit unter denen einer Fernsehausstrahlung liegen, ist die Befriedigung sehr gross. Ich bin zum Beispiel gerade auf dem Weg hierher am Kino Capitol (in Zürich) vorbeigekommen, und es ist schon gewaltig, wenn man dann einen Werbeaushang zu seinem Film sieht, der ungefähr drei mal vier Meter gross ist und nachts angestrahlt wird. Das ist einfach ein schönes Gefühl. Das ist wie Weihnachten (… und das ist absolut unabhängig von der momentanen Saison)!

    Was schon alle immer wissen wollten, und kaum einer zu fragen wagte: Was tut ein Regisseur, wenn er nicht gerade Regie führt?

    Das ist eine gute Frage! Als ich anfing, mich für den Beruf und die Ausbildung zu interessieren, habe ich mir ein Buch gekauft. Und das Ernüchternde und Erschreckende, was ich darin las, war: Ein Regisseur sei nur dann Regisseur, wenn er gerade einen Film drehe. Das hat mir offenbar so sehr zu denken gegeben, dass ich – wie Du siehst – auch nach 20 Jahren noch dieses Zitat kenne! Nun, ein Regisseur, der nicht am Set ist, redigiert seine Homepage, liest seine Kritiken, und dann fängt er langsam wieder an, einen eigenen Stoff zu entwickeln und ein Drehbuch zu schreiben – um sich auf diese Weise wieder eine Arbeitsgrundlage  zu verschaffen.

    Und was bitte ist ein Regisseur?

    Ich unterrichte seit fast 20 Jahren Regie und bin darüber zu der Einsicht gekommen, dass Regie führen eigentlich gar kein eigenes Handwerk ist. Ein Regisseur ist eigentlich nur ein Fremdsprachler, der die Sprache seiner Mitarbeiter beherrscht. Ein Regisseur muss jemand sein, der mit den Schauspielern in ihrer Sprache reden kann, der weiss, was Schauspieler tun und wie man mit ihnen kommunizieren kann. Ein Regisseur weiss, was der Produzent tut und welche Sprache er spricht. Ein Regisseur weiss, wie ein Kameramann tickt und kann sich mit ihm verständigen. Wenn er alle diese vielen Sprachen beherrscht, wenn er sich auskennt und kommunizieren kann, dann kann er seine Aufgabe als Regisseur erfüllen. Denn dann kann er Entscheidungen treffen. Und das ist eigentlich seine zentrale Aufgabe.

    Der Regisseur übersetzt also das Drehbuch für die verschiedenen Mitarbeiter. Wo bleibt denn da die Kreativität?

    Neben der Vielsprachigkeit braucht es natürlich noch etwas anderes. Das Talent, eine filmische Vision zu entwickeln und diese Vision auf ansteckende Weise zu kommunizieren. Dieses Talent lässt sich praktisch nicht schulen, es ist eine Voraussetzung, die man als Filmregisseur mitbringen muss.

    Wie muss man sich eine «filmische Vision» vorstellen?

    Man liest eine Notiz, eine Dialogzeile oder einen Prosatext, auch nur einen Absatz – und sofort stellen sich Bilder ein. Es stellt sich eine Situation ein, es stellt sich ein Raum ein, es stellen sich Gesichter ein, ja ein Rhythmus. Bereits beim Lesen entwickelt sich ein Gespür dafür, in welchem Rhythmus man die Situation darstellen und einem Publikum zugänglich machen kann. Es gibt in der Schweiz durchaus einige Leute, die dieses «Regie-Talent» besitzen, weitaus mehr als der Markt überhaupt vertragen kann.

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